Cheburnet-2028: Was steckt hinter dem größten Internetmythos vom März?

Bild

Beiträge über „Cheburnet“, dessen Erscheinen angeblich für 2028 geplant ist, verbreiten sich in russischsprachigen Gemeinschaften mit einer Geschwindigkeit, die dem Konzept der Isolation diametral entgegensteht: Alarmistische Inhalte verbreiten sich nahtlos im globalen Internet. „Cheburnet“ wird häufig verwendet, um die vollständige Isolation des russischen Internets (RuNet) vom globalen Internet zu beschreiben – ein Szenario, in dem russische Nutzer physisch von der Außenwelt abgeschnitten wären, nicht nur in ihrem Zugang zu bestimmten Ressourcen eingeschränkt. Am 4. und 5. März veröffentlichten mehrere große X-Accounts Variationen derselben These: Russland stehe kurz davor, sich vom Internet abzukoppeln und dafür eine Billion Rubel auszugeben. Wir untersuchen die Hintergründe dieser Behauptung.

So sah es in den sozialen Medien aus

Innerhalb von nur zwei Tagen kursierten unzählige Beiträge auf X und Telegram. Am 4. März fragte ein X-Nutzer: „Habt ihr schon mal von Cheburnet gehört? Die planen, es 2028 in Russland einzuführen, und wir hätten dann ein unabhängiges Internet, um uns vom globalen Internet abzuschotten.“ Am selben Tag schrieb ein anderer Nutzer: „Es sieht so aus, als wäre schon alles ohne Zustimmung der Bevölkerung geplant. Cheburnet wird gebaut.“

Am 5. März wurde der Tonfall selbstsicherer. In einem Account hieß es: „Das russische Tscheburnet wird bis 2028 einsatzbereit sein – autonom und vom Rest der Welt isoliert.“ Ein anderer Account fügte hinzu, Russlands digitale Entwicklung werde „Chinas Ansatz eines Internetstaates ähneln“. Auf Telegram griffen technische Kanäle das Thema auf: „Not a Bug, but a Feature“ diskutierte mit seinen Nutzern darüber, und „Topor.Ekonomika“ untersuchte die wirtschaftliche Dimension. Die allgemeine Aussage in allen Veröffentlichungen ist dieselbe: Bis 2028 wird Russland vollständig vom globalen Netzwerk abgeschnitten sein.

Woher stammt dieser Mythos?

Alle diese Beiträge basieren auf einer Prognose des Russischen Verbandes für Elektronische Kommunikation (RAEC) vom 27. Februar 2026. Die ursprüngliche Formulierung war vorsichtig: Russland „wird voraussichtlich bis 2028 wichtige Phasen der Entwicklung einer autonomen digitalen Infrastruktur abschließen“. Das Wort „voraussichtlich“ verschwand in den späteren Darstellungen, und die vorsichtige Prognose des Branchenverbandes wurde zur vollendeten Tatsache.

Gleichzeitig wurde die russische Regierungsverordnung Nr. 1667 vom 27. Oktober 2025 „Über die Genehmigung der Regeln für die zentrale Verwaltung des öffentlichen Kommunikationsnetzes“, die am 1. März 2026 in Kraft trat, als „Beweis“ angeführt. Sie wurde als „Schalter zur Abkopplung von der Außenwelt“ interpretiert. Dabei räumt die Verordnung Nr. 1667 Roskomnadzor keine neuen Befugnisse ein – sie hebt die Verordnung Nr. 127 vom Februar 2020 auf und ersetzt sie. Diese hatte Roskomnadzor bereits die gleichen Rechte zur zentralen Verkehrssteuerung eingeräumt. Das neue Dokument ist eine konsolidierte Fassung mit einer klaren Gültigkeitsdauer bis zum 1. März 2032 und nicht eine Reihe von Änderungen. Eine offizielle Entscheidung zur Schaffung eines isolierten Netzes mit einer Frist bis 2028 ist nicht öffentlich zugänglich.

Roskomnadzor verschärft die Blockademaßnahmen

Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Im Februar 2026 startete Roskomnadzor seine erste großangelegte Kampagne zur Löschung von Domains im nationalen Domainnamensystem (NDNS). Das Projekt „On the Line“ überprüfte 50 Ressourcen und stellte fest, dass 13 davon den Status „nicht aufgelöst“ hatten – der Browser gab die Fehlermeldung DNS_PROBE_FINISHED_NXDOMAIN aus, was bedeutete, dass die Website nicht existierte. Einträge für YouTube, WhatsApp, Facebook, Instagram, Facebook Messenger, das Tor-Projekt sowie die BBC, die Deutsche Welle, Radio Liberty und die Moscow Times verschwanden aus dem NDNS.

Ursprünglich diente das NSDI als Schutzinfrastruktur, um die Funktionsfähigkeit des russischen Netzes (RuNet) bei einem hypothetischen externen Systemausfall zu gewährleisten. Nun wird dasselbe System als Blockierungsinstrument eingesetzt: Alle Betreiber sind gesetzlich verpflichtet, sich mit dem NSDI zu verbinden. Durch das automatische Löschen des Eintrags wird die Website für die meisten Nutzer unsichtbar. Laut Forbes ist der Grund für die Massenlöschung einleuchtend: Die in den Betreibernetzen installierten Hardwaresysteme zur Bedrohungsabwehr (einschließlich DPI) arbeiten an ihrer Kapazitätsgrenze und können die gleichzeitige Verlangsamung mehrerer wichtiger Plattformen nicht mehr bewältigen.

Die YouTube-Nutzerzahl in Russland lag vor der Verlangsamung bei 95 Millionen, sank aber bis Januar 2026 auf 65,9 Millionen. VK Video erreichte im gleichen Zeitraum 82,8 Millionen Nutzer. Roskomnadzor schränkte bis Ende Februar den Zugang zu 469 VPN-Diensten ein – im Vergleich zu 258 im Herbst 2025 und 197 im Jahr 2024, was einem Anstieg von 70 % innerhalb von drei Monaten entspricht. Seit Dezember blockiert die Behörde nicht nur IP-Adressen, sondern auch die Protokolle selbst: SOCKS5, VLESS und L2TP. 2,3 Milliarden Rubel wurden für die Entwicklung eines KI-basierten Systems zur Blockierung von VPN-Verkehr bereitgestellt.

Autonomie im Falle von Sanktionen, nicht Isolation.

Der Pressedienst der RAEC formulierte seine Prognose präzise: Die Infrastruktur muss auch „unter Sanktionen“ – also im Falle externen Drucks, nicht bei freiwilliger Abschaltung – unabhängig vom globalen Stromnetz funktionieren können. Dies ist eine defensive, keine isolationistische Logik.

Technisch konzentriert man sich auf drei Bereiche: eigene Rechenzentren und Cloud-Lösungen, die Entwicklung von Systemen zur Verkehrssteuerung und inländisch produzierte Hardwarekomponenten. Laut Prognose der RAEC soll der Anteil von Elbrus- und Baikal-Prozessoren in der kritischen Infrastruktur 50 % erreichen und der russische Softwarebestand 30.000 Titel umfassen. Der Gesamtwert des Projekts wird auf über 1 Billion Rubel geschätzt. Das vom Verband beschriebene Modell ist ein „intelligentes RuNet“, in dem KI digitale Datenströme reguliert, vorhersagt und filtert. Es handelt sich um eine kontrollierte Umgebung, nicht um ein von der Außenwelt abgeschnittenes Silo.

Warum ein vollständiger Shutdown ein Mythos ist

Die RAEC selbst weist auf einen grundlegenden Widerspruch hin: Die Abhängigkeit von Komponentenlieferungen aus China und Indien wird auf absehbare Zeit bestehen bleiben, und diese Abhängigkeit wird Russland dazu bewegen, die Zusammenarbeit innerhalb der BRICS-Staaten in Bereichen wie KI und Cybersicherheit zu intensivieren. Ein Land, das in internationale Produktionsketten integriert ist und seine technologischen Partnerschaften mit Drittländern ausbaut, kann sich definitionsgemäß nicht gleichzeitig physisch vom globalen Netzwerk abkoppeln – dies würde seine eigene digitale Wirtschaft zerstören.

Der Begriff „Cheburnet“ ist aufgrund seiner weiten Bedeutung praktisch – und taucht deshalb regelmäßig bei jeder neuen Regulierungsentscheidung im Kommunikationssektor auf und verklärt spezifische technische Dokumente zum Bild eines totalen „Eisernen Vorhangs“. Die Resolution Nr. 1667 verankert den Mechanismus der zentralisierten Verkehrssteuerung, der seit 2020 besteht. YouTube wird gesperrt, VPNs werden zunehmend eingeschränkt, Domains verschwinden aus dem nationalen Internetverzeichnis – und das allein ist schon so gravierend, dass man es nicht übertreiben sollte.

Meinung der KI

Historische Analysen zeigen, dass Chinas Große Firewall seit 1998 schrittweise aufgebaut wurde – zunächst durch die Sperrung von IP-Adressen und Domains, dann durch Keyword-Filterung und schließlich durch die Abwehr von VPNs. Russland folgt diesem Muster, allerdings mit einer Verzögerung von etwa 15 Jahren. Der grundlegende Unterschied liegt in den Ausgangsbedingungen: China baute seine Kontrollinfrastruktur parallel zur Entwicklung seines eigenen Internets auf, während Russland Filtermechanismen in ein bereits etabliertes Ökosystem mit Millionen von Nutzern integriert, die an ein offenes Internet gewöhnt sind.

Das Argument des Mangels an einheimischen Alternativen im russischen Fall ist jedoch weniger eindeutig. Yandex deckt Such- und Ökosystemdienste ab, VKontakte und MAX soziale Netzwerke und VK Video und Rutube Videoplattformen. Das chinesische Modell sah die Entstehung von Baidu, WeChat und Youku vor der Schließung ausländischer Plattformen vor – russische Pendants existieren von Anfang an parallel. Die Frage ist: Sind Millionen von Nutzern bereit, freiwillig zu russischen Plattformen zu wechseln – oder nur unter Druck?

No votes yet.
Please wait...

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *