FT: Bankensystem sieht sich aufgrund von Stablecoins mit Kapitalfluchtängsten konfrontiert.

- US-Banken befürchten Einlagenverluste aufgrund des Aufstiegs von Stablecoins.
- Einer Prognose zufolge wird der Markt für Letzteres bis 2030 ein Volumen von 3 Billionen Dollar erreichen.
- Die Meinungen der Ökonomen über das Ausmaß der Bedrohung gingen jedoch auseinander.
Die Debatte über die Auswirkungen von Stablecoins auf das traditionelle Bankwesen erreicht angesichts der Vorbereitungen für entsprechende Gesetze in den USA eine neue Dimension. Laut einem Artikel der Financial Times geht es im Kern um die Frage, ob Stablecoin-Emittenten und Vertriebsplattformen Nutzern zinsähnliche Belohnungen anbieten können und wie sich dies auf Einlagen auswirkt.
US-Finanzminister Scott Bessent prognostiziert, dass der Markt für auf Dollar lautende Stablecoins von derzeit rund 300 Milliarden Dollar bis 2030 auf 3 Billionen Dollar anwachsen wird. Gleichzeitig bleibt der Renditemechanismus der zentrale Risikofaktor für Banken.
Aktuell ist es Emittenten gesetzlich untersagt, Zinsen direkt auszuzahlen, Kryptobörsen können dies jedoch indirekt tun. Der kommende CLARITY-Gesetzentwurf soll festlegen, wer solche Prämien anbieten darf und unter welchen Bedingungen.
Werden Banken tatsächlich Einlagen verlieren?
Manche Banker befürchten, dass das Wachstum von Stablecoins die Einlagenbasis schwächen und dadurch die Kreditvergabe an die Realwirtschaft verringern könnte. Die Position von Wirtschaftsexperten der Regierung ist jedoch weniger dramatisch.
Zur Erinnerung: Der Wirtschaftsberaterstab des Weißen Hauses kam zu dem Schluss, dass selbst bei einem Verbot von Zinssätzen für Stablecoins die Auswirkungen auf die Banken minimal wären: „Ein Verbot eines solchen Mechanismus würde die Kreditvergabe um 0,02 % bzw. 2,1 Milliarden Dollar erhöhen.“
Dies widerlegt wirksam die Argumente des Bankensektors hinsichtlich einer systemischen Bedrohung. Die Logik lautet, dass Gelder nicht aus dem System verschwinden, sondern umverteilt werden:
- Ein Investor kauft einen Stablecoin;
- Der Emittent investiert die Gelder in Staatsanleihen;
- Das Geld gelangt über Händler zurück in das Finanzsystem.
In der Realität kann dieser Mechanismus jedoch anders funktionieren. Bei einem großflächigen Kapitalabfluss sind Banken gezwungen, liquide Mittel zu verkaufen, was potenziell das Gesamtvolumen der Einlagen verringert.
Doch selbst Kritiker räumen ein, dass die Rendite allein kein ausreichender Anreiz für eine breite Akzeptanz ist. Alternativen existieren schon lange – beispielsweise Geldmarktfonds, die bereits ein Volumen von 7,5 Billionen US-Dollar erreicht haben, aber die Bankeinlagen, die sich auf rund 18 Billionen US-Dollar belaufen, noch nicht verdrängt haben.
Regulierungsbehörden und der Markt: Zwischen Risiko und neuer Infrastruktur
Trotz vorsichtiger Einschätzungen der kurzfristigen Auswirkungen weisen die Aufsichtsbehörden auf langfristige Risiken hin:
- Die EZB warnt davor, dass Stablecoins die Transmission der Geldpolitik schwächen könnten;
- Standard Chartered rechnet bis 2028 mit einem Abfluss von bis zu 500 Milliarden US-Dollar an Einlagen;
- Jamie Dimon, CEO von JPMorgan, warnte vor einem „beispiellosen Wettbewerb“ durch Blockchain und Stablecoins.
Gleichzeitig stellt Moody's fest, dass die Auswirkungen von Stablecoins auf den Bankensektor begrenzt bleiben.
Der Hauptgrund liegt in der fehlenden vollständigen Zahlungsintegration. Im Gegensatz zu Bankkonten sind Stablecoins derzeit:
- nicht in Lohnabrechnungssysteme integriert;
- bieten keine breite Unterstützung für Zahlungskarten;
- bieten diesen Komfort bei alltäglichen Transaktionen nicht.
Ihr grundlegender Vorteil liegt wiederum in der Programmierbarkeit. Dies bedeutet die Fähigkeit, Finanztransaktionen, wie beispielsweise Zahlungen nach Erfüllung der Vertragsbedingungen, automatisch auszuführen.
Diese Eigenschaft macht Stablecoins zu einem potenziell neuen Niveau der Finanzinfrastruktur und nicht nur zu einer Alternative zu Einlagen.
Die Nachfrage ist in Schwellenländern besonders hoch, wo Stablecoins angesichts von Inflation und Währungsbeschränkungen als digitaler Dollar fungieren. Diese Kapitalflüsse haben jedoch keine direkten Auswirkungen auf Einlagen in den USA.
Analysten weisen daher darauf hin, dass das Risiko für Banken „theoretisch real, in der Praxis aber schwer umzusetzen“ sei.
Gleichzeitig werden regulatorische Entscheidungen, insbesondere solche im Zusammenhang mit dem CLARITY Act, darüber entscheiden, wie schnell sich Stablecoins von einem Nischeninstrument zu einem systemischen Konkurrenten der Banken entwickeln können.
Die Beratung des CLARITY-Gesetzentwurfs wurde unterdessen auf Mai verschoben.
