Cheburnet Chronicles: GitHub in Russland offiziell eröffnet, aber technisch eingeschränkt

Der Zugriff auf GitHub in Russland verschlechtert sich: Seit dem 5. Mai 2026 ist der Anteil fehlgeschlagener und blockierter Verbindungen zur Plattform von 4 % auf 16 % gestiegen und hat sich auf diesem Niveau stabilisiert. Dies geht aus Daten des Internetzensur-Überwachungsdienstes OONI hervor, die auf dessen Measurement Aggregation Toolkit (MAT) basieren. In den USA, Großbritannien und Deutschland ist dieser Trend nicht zu beobachten.
Nutzer melden massenhaft Probleme beim Arbeiten mit Repositories und beim Herunterladen von Dateien – Beschwerden werden auf Habr.com und Downdetector erfasst. Es gibt jedoch keine flächendeckenden Ausfälle von GitHub: Das Problem tritt ausschließlich in Russland auf.
Die offizielle Position und das reale Bild
Am 8. Mai 2026 gab Roskomnadzor über RIA Novosti und Interfax bekannt, dass GitHub nicht in die Liste gesperrter Webseiten aufgenommen und nicht offiziell blockiert worden sei. Dies ist zwar formal korrekt, betrifft aber nur die Domain selbst. Einzelne Seiten des Dienstes werden jedoch bereits seit mehreren Jahren systematisch gesperrt: Durch Gerichtsbeschlüsse, Roskomnadzor, Rospotrebnadzor und das Innenministerium wurden bisher mehr als 130 Seiten gesperrt. Zudem beschleunigt sich das Tempo: Während im gesamten Jahr 2025 59 einzelne GitHub-Seiten in die Liste aufgenommen wurden, waren es in den ersten Monaten des Jahres 2026 bereits 61. Gesperrt werden Repositories und Materialien, die mit der Umgehung von Sperrungen, der Diskreditierung des Militärs, Extremismus, Betrug und dem Schutz personenbezogener Daten in Verbindung stehen.
Es geht also um gezielte technische Einschränkungen auf Ebene einzelner Subnetze und Seiten, nicht um eine direkte Domainsperrung. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung gab es von GitHub selbst noch keine offiziellen Stellungnahmen oder Pressemitteilungen zur Situation in Russland.
Kontext: Was wurde in Russland bereits deaktiviert?
Der Niedergang von GitHub findet vor dem Hintergrund des groß angelegten Aufbaus von Cheburnet statt – einem souveränen russischen Teil des Internets, der das globale Internet schrittweise abschneidet. In den letzten Monaten hat sich folgendes Bild herausgebildet:
- Seit dem 15. April 2026 blockieren russische Dienste – Marktplätze, Banken und digitale Plattformen – Nutzer mit aktiven VPNs. Apps lassen sich entweder nicht öffnen oder fordern die Nutzer auf, die Anonymisierungsfunktionen zu deaktivieren.
- Russische Dienste – Gosuslugi, Banking-Apps und Marktplätze – funktionieren für Russen im Ausland nicht mehr: Betroffen sind die Türkei, Thailand, Ägypten und Vietnam.
- Im April 2026 führte der Versuch von Roskomnadzor, neue Algorithmen zur Filterung des Telegram-Verkehrs anzuwenden, zu einer Kettenreaktion von Zahlungsausfällen – Kunden großer Banken konnten mehrere Tage lang keine Transaktionen durchführen.
- Am 6. April 2026 wurde das Netzwerk von Rostelecom einem massiven DDoS-Angriff ausgesetzt, der einen Teil des russischen Segments des Netzwerks lahmlegte.
- Das Ministerium für digitale Entwicklung plant, die Kapazität des Verkehrsfiltersystems bis 2030 um das 2,5-fache auf 954 Tbit/s zu erhöhen.
- Mobilfunknetze außerhalb der Großstädte nutzen bereits ein „Whitelist“-System: Nur zugelassene Dienste sind verfügbar. Diese „Whitelist“ wurde um mehrere hundert Dienste erweitert, von Gesundheits- und Finanzdienstleistungen bis hin zu Essenslieferungen.
- Die Nutzung von VPNs in Mobilfunknetzen soll künftig kostenpflichtig werden: Die Betreiber beabsichtigen, für internationalen Datenverkehr über 15 GB pro Monat Gebühren zu erheben.
- Der Gesetzentwurf „Anti-Fraud 2.0“ sieht ein Verbot für Hosting-Anbieter vor, Betreibern von Diensten, die Zugang zu gesperrten Ressourcen ermöglichen, Kapazität zur Verfügung zu stellen und damit die VPN-Infrastruktur effektiv zu untergraben.
- Seit Anfang 2026 hat Roskomnadzor Klagen gegen mindestens sieben große ausländische Computerspielentwickler und -verleger wegen Verstößen gegen die Vorschriften zur Lokalisierung personenbezogener Daten eingereicht.
- Mindestens zwei große russische Spielestudios haben beschlossen, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern.
GitHub ist zwar formal weiterhin nicht blockiert, seine tatsächliche Verfügbarkeit in Russland nimmt jedoch stetig ab. Der Anstieg der Anomalien von 4 % auf 16 % innerhalb von drei Tagen deutet darauf hin, dass die selektiven technischen Beschränkungen immer weniger selektiv werden und nicht nur einzelne Seiten, sondern die gesamte Plattform für einen erheblichen Teil der Nutzer betreffen.
Meinung der KI
Aus Sicht der Maschinendatenanalyse ist die Beeinträchtigung von GitHub kein Einzelfall, sondern ein vorhersehbares Glied in einer Kette von Infrastruktur-Störungen. Roskomnadzor versuchte zuvor dieselbe Taktik bei Telegram: Im Februar 2026 wurden Geschwindigkeitsdrosselungen eingeführt, ohne die Domain formell zu sperren. Das Vorgehen ist identisch: De jure funktioniert der Dienst, de facto ist er jedoch unbrauchbar. Technisch gesehen ist der Angriffsvektor bemerkenswert: Experten zufolge könnten die Einschränkungen Subnetze des CDN-Anbieters Fastly betroffen haben, der GitHub-Dateien verteilt. Diese „Doppelwaffe“ – die Sperrung eines CDN-Subnetzes beeinträchtigt Dutzende von Diensten auf einen Schlag, während gleichzeitig die formale Möglichkeit erhalten bleibt, eine gezielte Sperrung zu verhindern.
Die wichtigste, unbeantwortete Frage: Wenn GitHub für russische Entwickler faktisch unzugänglich wird, wird dies die Abwanderung von IT-Fachkräften aus dem Land beschleunigen oder die Schaffung eines heimischen Äquivalents fördern?
